Dysfunktionale Gedanken & Grübeln bei psychischen Erkrankungen

Dysfunktionale Gedanken bei psychischen Erkrankungen

[W] Dysfunktionale Gedanken und Grübelzwänge sind oft ein Teil von psychischen Erkrankungen. Das sogenannte Gedankenkarussell ist für Betroffene, die an einer mentalen Erkrankung wie Angststörung, Depression, Persönlichkeitsstörung oder den Folgen eines Traumas leiden, sehr belastend. Es ist so, als würde der Kopf unkontrolliert Achterbahn fahren. Solche nicht enden wollenden Gedanken, die großen Leidensdruck erzeugen, werden daher auch Grübelzwang oder Gedankenkreise genannt. Wie dysfunktionale Gedanken aussehen, warum psychisch erkrankte Menschen nicht einfach aufhören können zu grübeln und welche Strategien es gegen das Gedankenkarussell gibt, liest du in diesem Beitrag.

Content Warnung

Der folgende Text enthält Schilderungen von psychischen Erkrankungen, Symptomen und/oder negativen Gefühlen und könnte dich als Betroffene/r triggern.

Meine Tipps und Erklärungen beruhen auf eigenen Erfahrungen, dem Austausch mit anderen psychisch Erkrankten sowie Recherche. Sie ersetzen keine ärztliche Diagnostik, psychologische Beratung oder therapeutische Behandlung!

Halte im Zweifel immer Rücksprache mit deinem Arzt oder Therapeuten.

Was sind dysfunktionale Gedanken?

Charakteristisch für Grübeln und dysfunktionale Gedanken ist, dass sie in den meisten Fällen weder wahr noch zielführend sind. Solche Gedanken werden oft nicht zu Ende gedacht. Bevor das geschieht, drängt sich schon der nächste, darauf aufbauende Gedanke auf, was eine Lösung immer weniger greifbar erscheinen lässt.

Als dysfunktional werden sie außerdem bezeichnet, weil sie meist zu negativen Veränderungen von Gefühlen oder Verhalten führen und Betroffene in ihrer Lebensführung stark einschränken können.

Alles einsteigen, die nächste Fahrt geht rückwärts!

Gerade noch freust du dich auf die Grillparty, zu der du eingeladen bist und plötzlich schießt es durch deinen Kopf:

“Was, wenn sie nur auf Höflichkeit gefragt haben? Eigentlich will niemand, dass ich komme. Und Sandra war letztens schon so komisch zu mir… Meine neue bessere Hälfte kann auch keiner von denen leiden. Hat man ja bei Christians Geburtstag schon gemerkt. Aber was soll ich machen? Etwa alleine gehen? Auf keinen Fall! Wir gehen da sowas von zusammen hin und wehe, einer sagt was! Dem zeig ich schon, wo der Frosch die Locken hat! Und überhaupt, was wollen die eigentlich…”

Na ja, du weißt vermutlich, wie sich die nächsten 3 Stunden ein Gedanke auf dem nächsten aufbaut und du in deinem Kopf schon Menschen Dinge an den Latz knallst und Konversationen führst, die so wahrscheinlich nie stattfinden werden. Vielleicht sagst du sogar ab.

So geladen, wirst du den Leuten auf der Grillparty jedenfalls nicht gerade mit offenen Armen und Herzen begegnen. Und sie werden sich höchstwahrscheinlich wundern, warum du so abweisend und gereizt bist. Denn meist existiert diese Art von Realität nur in unseren eigenen Köpfen und ist Teil des Grübelzwangs im Rahmen einer psychischen Erkrankung.

Ursachen dysfunktionaler Gedanken

Dysfunktionale Gedanken sind das Ergebnis irrationaler Bewertung und endloser Grübelkreise. Die Ursachen sind vielfältig und nicht immer genau zu bestimmen. Mögliche Ursachen können die Folgenden sein.

Gestörter Botenstoffhaushalt

Neuronale Veränderungen im Gehirn aufgrund einer psychischen Erkrankung wie einer Depression, Angsterkrankung oder Persönlichkeitsstörung können dazu führen, dass die Ausschüttung bestimmter Hormone gestört ist. In der Konsequenz laufen bestimmte Vorgänge im Gehirn nicht ab wie vorgesehen. Dazu gehört vor allem die Bewertung von Gefahren, rationale Einschätzung bestimmter Situationen oder die Emotionsregulierung.

So kann es sein, dass psychisch Erkrankte harmlose Situationen als potenziell gefährlich einstufen (z. B. bei einer Agoraphobie), sich selbst als nicht belastbar empfinden (während einer depressiven Episode) oder keine Entscheidungen treffen können, weil sie mit den Optionen und möglichen Konsequenzen schlichtweg überfordert sind (z. B. bei Persönlichkeitsstörungen).

Dysfunktionale Gedanken & Schutzstrategien



Dysfunktionale Gedanken können auch Bestandteil von Schutzmechanismen sein, die aufgrund von emotionaler Vernachlässigung, traumatischen Erlebnissen oder der erlernten Hilflosigkeit entstehen. Betroffene, die viel Leid erfahren haben, tief liegende Verunsicherungen haben oder sogar an einer (komplexen) posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS / KPTBS) leiden, haben ein verstärktes Sicherheits- und Kontrollbedürfnis.

Dysfunktionale Gedanken wie: “Ich werde nicht um Hilfe bitten, weil ich sowieso keine bekomme!” oder “Ich brauche niemanden, ich schaffe das allein!” führen zum Vermeidungsverhalten (keine Schwäche zeigen, sich anderen nicht öffnen etc.) und schützen Betroffene so vor potenziellen Gefahren wie einer scheinbaren Abhängigkeit oder erhöhten Verletzbarkeit.

Das kommt übrigens auch bei psychisch stabilen Menschen vor, die in ihrem Leben viele negative Erfahrungen gemacht haben und aufgrund derer sie Schutzstrategien entwickelt haben. Beispielsweise, um sich vor erneuten Enttäuschungen oder anderen belastenden Erlebnissen zu schützen.

Der verzweifelte Autopilot

Oft versuchen wir bewusst nachzudenken. Denn schließlich haben wir Probleme, die wir durchaus lösen wollen. Das Problem beim Gedankenkarussell ist, dass es sich schnell verselbstständigt.

So kann es sein, dass du in deinem Job nicht glücklich oder sogar psychisch stark belastet bist und bereits kurz vor dem Burn-out stehst. So beginnst du nachzudenken, ob du vielleicht den Arbeitgeber wechselst, die Branche oder gleich die komplette Tätigkeit. Ein Neustart, das wäre klasse! Du bist überzeugt, das Richtige zu tun und motiviert, die Dinge anzupacken. Und im nächsten Moment kippt es:

Aber wo soll ich überhaupt arbeiten? Was ist, wenn mich niemand einstellt? Und bringt es überhaupt etwas nur die Firma zu wechseln? Bestimmt bin ich dann in ein paar Monaten wieder am selben Punkt. Ich sollte was komplett anderes machen. Aber was? Ich kann doch überhaupt nichts! Selbst in meinem jetzigen Job mache ich seit Jahren Fehler und wenn mein Chef das merkt, werde ich gefeuert! Fristlos! Und dann wird mich mein/e Partner/in auch rauswerfen und ich sitze auf der Straße. Was soll ich dann essen? Wo schlafen? Und bekomme ich überhaupt finanzielle Hilfe ohne festen Wohnsitz? Und… und… und…

Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Gedankengänge und das Grübeln weder gewollt sind, noch von Betroffenen benutzt werden, um sich absichtlich in die Opferrolle zu spielen. Dysfunktionale Gedanken sind Teil der psychischen Belastung und in diesem Moment nun mal die Wahrheit für Betroffene.

Schwere von dysfunktionalen Gedanken

Im letzten Beispiel hat jemand massive existenzielle Ängste und empfindet seine Situation als ausweglos. Nicht selten wird hier Suizid als einzig mögliche Lösung empfunden.

Natürlich ist sie das NICHT!

Hier zeigt sich, wie hoch der Leidensdruck sein kann und wie wichtig es ist, psychische Erkrankungen und Grübelzwänge nicht zu romantisieren oder herunterzuspielen! Psychisch Erkrankte sind nicht einfach nur zu sensibel oder machen sich bloß viel zu viele Gedanken! Sie sind krank! Und eine psychische Erkrankung kannst selbst positive und augenscheinlich gefestigte Menschen treffen!

Menschen mit einer Depression, Verhaltens-, Persönlichkeits- oder Belastungsstörung brauchen professionelle Hilfe! Sie können mit therapeutischer bzw. psychiatrischer Hilfe lernen, diese Gedankenmuster zu erkennen und aufzulösen.

Wichtige Anlaufstellen bei psychischen Erkrankungen und Beratungsangebote in deiner Region findest du auf der Seite der Deutschen Depressionshilfe.

Welche Arten von dysfunktionalen Gedanken gibt es?

Oft überschneiden sich dysfunktionale Gedanken oder bauen aufeinander auf. Daher sind sie oft schwer voneinander abzugrenzen. Grob lassen sich Grübelgedanken wie folgt unterteilen und haben sich vielleicht auch bei dir schon einmal eingeschlichen:

Schwarz-Weiß-Denken

Es gibt nur ganz oder gar nicht. Im Zweifel ist meist alles schlecht. Beim kleinsten Fehler ist alles wertlos!

Beispiel:

Wenn ich die Anforderungen nicht zu 100 % erfülle, bin ich ein Loser!

Gedankenlesen

Man ist überzeugt zu wissen, was andere denken. Dieser Denkfehler ist häufig bei Schutzstrategien und erhöhtem Kontrollbedürfnis zu finden.

Beispiel:

Ich brauch gar nicht fragen. Mein Chef sagt sowieso Nein!

Emotionale Beweisführung

Auch wenn rationale Gründe dagegen sprechen, überwiegt die gefühlte Realität. So kann jemand viel Positives in eine Beziehung einbringen, sich jedoch als “schlechte Partie” fühlen.

Beispiel:

Was findet er/sie an mir? Ich bin eine Belastung, er/sie ist ohne mich besser dran!

Personalisierung

Negatives wird immer auf sich selbst bezogen und ruft starke Schuldgefühle hervor.

Beispiel:

Mein Freund ist schlecht drauf. Bestimmt habe ich wieder was falsch gemacht! Ich bin Schuld, dass wir immer streiten.

Voreilige Schlüsse

Auch hier wird, ähnlich wie bei der emotionalen Beweisführung oder dem Gedankenlesen, die eigene Realität logischen Schlussfolgerungen vorgezogen.

Beispiel:

Sie haben nur aus Höflichkeit gefragt, aber wollen nicht, dass ich mitkomme! Die mögen mich doch überhaupt nicht!

Über-/Untertreibung

Positives wie ein Erfolg wird kleingeredet, während Negatives z. B. ein kleiner Flüchtigkeitsfehler aufgebauscht wird. Oft können Betroffene auch kein Lob annehmen oder begründen die Erreichung ihrer Ziele mit Glück und Zufall.

Beispiel:

Eigentlich habe ich die Beförderung gar nicht verdient! Ich mache permanent Fehler! Dirk sollte die Stelle bekommen, er hat viel härter dafür gearbeitet!

Welche Strategien gegen dysfunktionale Gedanken gibt es?

Wenn du das Gefühl hast, dass dich destruktive Gedankenmuster und damit verbundene Ängste hemmen oder im Alltag sogar einschränken, solltest du therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Das ist auch legitim, wenn du sonst psychisch stabil bist! Du hast das Recht, dir rechtzeitig Hilfe zu holen, auch bevor du psychisch erkrankst!

Darüber hinaus gibt es einige Tools und Strategien, derer du dich im Umgang mit Grübeln und dysfunktionalen Gedanken bedienen kannst. Diese habe ich in folgendem Beitrag zusammen gefasst:

»Tipps & Strategien gegen Grübeln und dysfunktionale Gedanken

Pass gut auf dein Herz auf, du hast nur das eine! Deine Jenny
 

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