Mentale Gesundheit vs. psychische Erkrankungen - Ist Mental Health nur ein Trend?

Mentale Gesundheit vs. psychische Erkrankungen

[W] Ist „Mentale Gesundheit“ eine Modeerscheinung? Spätestens seit den Lockdowns und den vielen Einschränkungen – v. a. bei sozialen Kontakten und dem öffentlichen Leben – dämmert es immer mehr Menschen, dass jeder eine Psyche hat und dass diese auch leiden kann. So wird das Thema „Mental Health“ im Fernsehen, von Influencern oder Magazinen immer mehr in den Fokus gerückt und man hört immer wieder Begriffe wie Angststörung und Depression. Doch wirklich in die Tiefe geht dabei kaum jemand, sodass das Thema oft nur oberflächlich behandelt und fehlkommuniziert wird. Dadurch wachsen auch einige Vorurteile, was zur stärkeren Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen führt.

In diesem Beitrag möchte ich auf das Gegenteil von mentaler Gesundheit – den psychischen Erkrankungen – sowie den Auswirkungen des Mental Health Trends auf uns eingehen.

Content Warnung

Der folgende Text enthält Schilderungen von psychischen Erkrankungen, Symptomen und/oder negativen Gefühlen und könnte dich als Betroffene/r triggern.

Meine Tipps und Erklärungen beruhen auf eigenen Erfahrungen, dem Austausch mit anderen psychisch Erkrankten sowie Recherche. Sie ersetzen keine ärztliche Diagnostik, psychologische Beratung oder therapeutische Behandlung!

Halte im Zweifel immer Rücksprache mit deinem Arzt oder Therapeuten.

Mentale Gesundheit in der Öffentlichkeit

Wie bereits im Beitrag über innere Ruhe in der Coronazeit beschrieben, leiden während der Corona Pandemie viele von uns unter den Beschränkungen, Kontaktverboten, Ausgangssperren, Existenzängsten, Perspektivlosigkeit uvm. Dass dieser Zustand und ein fehlendes Ende in Sicht langfristig Auswirkungen auf die Psyche haben, ist nicht verwunderlich. So wächst zunehmend das Bewusstsein für das eigene Wohlbefinden und den geistigen Zustand. Auch die Medien berichten immer mehr über Lockdown Depressionen, psychosomatische Beschwerden und vermehrtes Auftreten von Angststörungen bei Kindern durch die Schulschließungen und fehlende soziale Interaktion.

Ich habe mich zunächst darüber gefreut, ehrlich! Denn mentale Gesundheit ist ein sensibles Thema, über das öffentlich bisher eher ungern gesprochen wurde und jetzt kommt es an die Oberfläche. Endlich wird auch der breiten Masse klar, dass psychische Erkrankungen jeden treffen können und einige Stigmata werden durchbrochen… Dachte ich!

Klischees von psychischen Erkrankungen

Je mehr das Thema gesellschaftsfähig wird und je mehr Menschen sich damit befassen, desto mehr fällt mir auf, dass psychische Erkrankungen zwar am Rande erwähnt werden, aber kaum irgendwo detailliert erklärt wird, was es damit auf sich hat. Auch entsteht schnell der Eindruck, es bräuchte immer ein Trauma, starke Vereinsamung oder Extremsituationen wie eine Pandemie, damit eine psychische Krankheit ausbricht. Dabei werden auch positiv denkende Menschen krank, die mit beiden Beinen im Leben stehen und nichts Traumatisches erlebt haben.

Mentale Gesundheit im TV

Im Fernsehen werden psychische Erkrankungen eher klischeehaft dargestellt, etwa wie Betroffene im dunklen Zimmer sitzen oder weinend im Bett liegen. Ich habe noch nie gesehen, dass in einem TV Bericht jemand während einer Panikattacke taumelnd im Supermarkt gezeigt wird oder wie er auf halbem Weg dorthin umdreht und nach Hause geht, weil die Agoraphobie heute gesiegt hat.

Zugegeben, für Fernsehberichte, Nachrichten und allgemeine Lifestyle Sendungen muss man für die teils sehr kurzen Berichte und Einspieler vielleicht Bilder und Situationen wählen, die mehr oder weniger selbsterklärend sind, um in kompakter Form einen verständlichen Eindruck zu vermitteln. Doch hier würde es sich anbieten, vermehrt Sondersendungen zu psychischen Erkrankungen auszustrahlen, bevor man etliche Wiederholungen von Gameshows und Filmen bringt.

Mentale Gesundheit auf Social Media

Gehen wir also zu Social Media. Schließlich beschaffen sich Menschen ja dort ohnehin inzwischen die meisten Informationen und Anregungen zu ihrer Lebensführung. Dort gibt es „echte“ Menschen, dort spielt sich das Leben mit allem, was dazu gehört, ab und dort gibt es Accounts mit zahlreichen Followern, die sich mit mentaler Gesundheit befassen.

Nischenaccounts zur psychischen Gesundheit

Ja, diese Accounts mit sorgfältiger und vollständiger Aufbereitung von Themen der psychischen Gesundheit und Krankheiten gibt es in der Tat. Die haben zwar keine Millionen von Followern, dafür aber eine eingeschränkte Reichweite bei Themen und Hashtags wie #depression oder #psychischeerkrankungen. Danke Instagram, Facebook & Co.! Ihr meint es sicher nur gut mit uns und wollt uns einfach nur vor der grausamen Realität da draußen schützen!

Influencer auf dem Mental Health Pfad

Wirkliche Aufmerksamkeit und Reichweite bekommen die großen Influencer und bei denen sieht Mental Health so aus:

Morgendliche Yogaroutine auf der Terrasse eines Luxushotels in Dubai. Achtsames Frühstück, für das eine ganze Obstplantage geerntet werden musste. Anschließend Wellness im 5 Sterne Tempel, weil Selfcare einfach soooo wichtig ist. Im Rahmen der Selbstliebe gönnt man sich das schon mal, so 7 Mal die Woche.

Was in meinen Augen aber noch schlimmer ist: Wenn aufreizende Bikinifotos im Spa, Yogabilder in seeeeeehr knapper Kleidung oder laszive (Halb-)Nacktbilder im Bett gepostet werden und Hashtags wie #selfcareday #selbstliebe #mentalhealth oder #bodypositivity enthalten.

Mental Health Trend und die Nachahmer

Utopisch? Klar! Verzichten möchte dennoch niemand. Dann wird eben ein Teil des Wohnzimmers zur Yogaecke umfunktioniert, zum Frühstück gibt’s ein Porridge mit Superfruits aus der Tüte und das heimische Badezimmer wird in einen Wellnesstempel umfunktioniert. Jetzt noch schnell ein Foto machen, posten und nicht vergessen mit #mentalhealth #selfcare und #achtsamkeit zu taggen! Die Message: Die „Normalos“ machen es auch so!

Die liebe Reichweite


Dass in Zusammenhang mit mentaler Gesundheit oft nur positive Themen wie Yoga, Meditation, Achtsamkeit und Selbstfürsorge behandelt werden, liegt hauptsächlich daran, dass viele dieser sogenannten Content Creator, die auf den Mental Health Zug aufspringen, weder echte Berührungspunkte mit dem Thema psychische Gesundheit hatten, noch wirklich gut recherchieren. Aber auch hier möchte man nicht verzichten, denn man verliert schnell die Aufmerksamkeit seiner Follower, wenn man bei aktuellen Trends nicht mitmacht.

Dazu kommt, dass niemand Reichweite verlieren will, indem er über Negatives spricht. In meinen Augen wird der „mentale“ Anteil dabei aber eher oberflächlich thematisiert und fehlkommuniziert.

Mentale Gesundheit auf einzigheartig.de

Es ist auch für mich oft nicht leicht, diese Themen richtig zu „verpacken“. Und das, obwohl ich selbst psychisch krank bin. In erster Linie ist das hier ein Lifestyle Blog, der sowohl gesunde als auch erkrankte Menschen ansprechen soll. Ich sage bewusst immer wieder, dass dies ein „Kein-Nischen-Blog“ ist. Hier geht es um alles, was zum Leben gehört. Und dazu zählt eine Angststörung oder Depression genauso wie die Schlafzimmereinrichtung oder kreative Tipps für den Lockdown. Nun ja, zu meinem zumindest.

Dabei jongliere ich in Bezug auf psychische Erkrankungen immer wieder damit, nur so viel darüber zu schreiben, dass sich auch gesunde Menschen angesprochen fühlen, aber auch genug, damit sich Erkrankte nicht ausgeschlossen fühlen und biete bei den Tipps oft Alternativen.

Manchmal lasse ich den Aspekt psychische Gesundheit auch bewusst komplett aus, denn niemand besteht nur aus seiner Krankheit und sollte sich meiner Meinung nach auch nicht durchgehend damit konfrontieren.

Wie zufrieden bist du mit dem Anteil der psychischen Gesundheit bzw. Erkrankungen in den Beiträgen auf einzigheartig.de? Schreib mir gerne eine E-Mail mit deiner Meinung und wenn du möchtest, ob du selbst erkrankt bist an kontakt@einzigheartig.de

Im Licht kann man kein Dunkel sehen!

Und hier liegt das eigentliche Problem. Mal wieder erschaffen wir uns eine falsche Realität in unserem sozialen Universum, doch sehen dabei nicht, wie Fake das alles ist. Und das ist auch von Instagram und Konsorten so gewollt. Es zerstört den Selbstwert und regt das Wunschdenken an. Spielt mit dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit, denn guck mal, das macht jetzt jeder so! Es entstehen Glaubenssätze wie

Ich bin nicht genug, ich habe nicht genug und deswegen bin ich auch nicht glücklich. Wenn ich auch die Dinge tue, kaufe, konsumiere, wie die Menschen auf den schönen Fotos, werde ich auch so erfüllt und zufrieden leben.

Wie wirkt sich das auf psychisch Erkrankte aus?

Psychisch erkrankte Menschen sind oft nicht in der Lage, sich ein riesen Frühstück zu kredenzen. Ihnen fehlt die Kraft für Yoga und Fitness. Wellness? An manchen Tagen ist Zähne putzen und Duschen schon echter Luxus und das Maximum der Selbstfürsorge!

Ein psychisch erkrankter Mensch, der sieht, wie scheinbar einfach es ist, für seine mentale Gesundheit zu sorgen, dazu aber nicht in der Lage ist, entwickelt allenfalls noch mehr Selbstzweifel und -hass sowie Schuldgefühle, weil der Eindruck entsteht, dass er einfach nicht genug tut, um gesund zu werden und glücklich zu leben.

Das wiederum kann die Symptome und weitere Faktoren der psychischen Erkrankung verstärken, die ohnehin schon in Widerspruch zu den Maßnahmen und Bereichen der mentalen Gesundheit stehen. Hier nur einige Beispiele:

  • Gesunde Ernährung vs. Appetitlosigkeit oder Essstörung
  • Wellness vs. mangelnde Energie zur Körperpflege
  • Meditation vs. Ruhelosigkeit & Konzentrationsprobleme
  • Pflegen sozialer Kontakte vs. soziale Ausgrenzung & Stigmatisierung

Was macht der Mental Health Trend mit gesunden Menschen?

Auf der anderen Seite sehen auch gesunde Menschen, wie man sich scheinbar mühelos um seine psychische Gesundheit kümmern kann. Denn schließlich macht Yoga, Achtsamkeit und Selbstfürsorge doch Spaß! Genauso wie lange Spaziergänge und Zeit in der Natur.

Sie sind überzeugt, das ist gut gegen Depressionen, Ängste & Co., drängen sich so motiviert gerne mal mit gut gemeinten Ratschlägen auf und erzeugen noch mehr Druck bei Betroffenen. Wie soll man diesen Menschen nur begreiflich machen, dass jemand mit einer Angststörung nun mal nicht in den Wald gehen kann, egal wie wunderschön und heilsam es dort ist? Und dass derjenige nicht selbst Schuld an seiner Krankheit hat, weil er so etwas nicht macht?

Aber auch im Bezug auf die eigene Person gibt es eine Schattenseite. Denn auch viele gesunde Menschen können nicht täglich mit Yoga in den Tag starten, z. B. weil sie alleinerziehend sind, morgens 3 Kinder für den Tag fertigmachen müssen oder mehreren Jobs nachgehen und Schichten haben, die einen normalen Tagesrhythmus nicht zulassen.

Auch diese Menschen stehen häufig unter dem Druck der Zugehörigkeit einen gewissen Lifestyle pflegen zu müssen. Dabei wird auch ihnen viel zu oft suggeriert, sie seien unfähig oder schlecht organisiert, weil sie sich nicht vegan ernähren, dem 5 a. m. Club beitreten oder regelmäßig Zeit für Wellnesstage finden. Dabei können genau diese Glaubenssätze und Selbstzweifel wie

  • Du bist inkonsequent!
  • Du bist nicht genug!
  • Was ist dein Problem, andere kriegen das locker gebacken!
  • Kein Wunder, dass du so aussiehst, du machst nichts für dich!

schon die ersten Schritte Richtung psychische Erkrankung sein und haben nichts mehr mit mentaler Gesundheit und Selbstfürsorge zu tun.

Worauf will ich im Bezug auf mentale Gesundheit hinaus?

OK, ich seh’s ein. Dieser Beitrag ist etwas unstrukturiert. Möglicherweise dient er auch nur dem Zweck, dass ich mal Druck ablasse, denn dieses Thema brennt mir schon länger auf der Seele.

Um an dieser Stelle ein Fazit zu ziehen:

Ich möchte dazu anregen, das eigene Verhalten zu reflektieren und mit sensiblen Themen wie der psychischen Gesundheit bewusst und sorgfältig umzugehen. Egal, ob als Influencer, Blogger, Berichterstatter, Leser, Follower, Watcher etc.

Vielleicht helfen dir folgende Fragen dabei:

  • Habe ich eigene Berührungspunkte mit dem Thema?
  • Bin/war ich selbst psychisch erkrankt oder habe mich intensiv mit der psychischen Erkrankung eines Angehörigen auseinandergesetzt?
  • Habe ich das Thema erschöpfend recherchiert und kenne ich alle Blickwinkel, bevor ich etwas dazu poste oder meine Meinung kundgebe?
  • Interessiert mich das Thema überhaupt persönlich und kann ich authentisch darüber sprechen?
  • Habe ich vielleicht wichtige Aspekte außer Acht gelassen, wodurch das Thema verfälscht werden könnte?
  • Wie würde jemand auf meinen Post reagieren, der unmittelbar von mentalen Problemen oder Erkrankungen betroffen ist?
  • Schließe ich mit meinem Beitrag Menschen aus oder lasse sie sogar in einem schlechten Licht erscheinen?

Niemand ist perfekt und auch hinter einer schlechten Umsetzung kann eine gute Absicht stecken. Indem wir reflektieren und unser Handeln sowie die Wirkung auf andere hinterfragen, können wir aber ein Stück weit für mehr Toleranz und einen liebevolleren Umgang miteinander sorgen!

Pass gut auf dein Herz auf, du hast nur das eine! Deine Jenny
 

Für tägliche Inspiration zur mentalen Gesundheit & Selbstfürsorge folge mir auf

Ich freu mich auf dich!



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