einzigheartig.de - Kontrolle in Jogginghosen

Wie ich Jogginghosen anzog, um die Kontrolle über mein Leben zurückzugewinnen

[W] Über Prägungen und meinen Weg aus der Angststörung, den ich immer noch gehe. Ich fand Selbstbestimmung und Kontrolle über mein Leben in Jogginghosen.

Lieber Herr Lagerfeld und der Rest der Welt,

ich weiß nicht, ob es Ihnen und euch bewusst ist, aber ob man Jogginghosen nun mag oder nicht:

Worte sind mächtig!

Meine. Deine. Ihre. Sie bewegen. Menschen nehmen sie sich zu Herzen. Und manche prägen sich ein oder tun so sehr weh, dass man sie nie wieder vergisst. Nun ja, ich weiß nicht, wie gut das WLAN im Jenseits ist und dass der komplette Rest der Welt meinen Blog liest, ist auch eher unwahrscheinlich, daher richte ich mich im Folgenden doch lieber an DICH!

Schön, dass du hier bist und meinen ersten Blogbeitrag liest!

Nun aber zurück zu den Worten. Und dazu, warum ich mich so lange überwinden musste, um das hier zu machen.

Mir ist tatsächlich erst vor Kurzem klar geworden, dass wir unser Leben lang gesagt bekommen, was wir zu tun und wie wir zu sein haben. Ich bin ja schon so aufgewachsen, daher habe ich das nie groß hinterfragt.

Du bist ein Mädchen. Du musst rosa tragen. Schreib gute Noten. Mach deine Eltern stolz. Was hast du dir dabei gedacht, diesen Jungen zu treffen? Wenn du was willst, musst du es dir verdienen. Nur wenn man hart arbeitet, bringt man es zu was. Geh nicht so viel feiern. Du musst heiraten. Willst du nicht mal mit Kindern anfangen?


Oder Herr Lagerfelds Kommentar, wer Jogginghosen anzieht, hätte die Kontrolle über sein Leben verloren.
Vom Job fange ich gar nicht erst an…

Was ist aber, wenn man als Mädchen keine rosa Prinzessin, sondern eher vom Typ „30 Sek. aus den Augen gelassen, Knie aufgeschlagen, Grasflecken auf der neuen Hose und Haare auf halb acht“ ist, dieser Junge einfach süß war, Mathe nun mal ein Ar&%§loch ist und man nicht den nächstbesten heiraten will?

Was ist, wenn die Jogginghose nun mal bequem ist?

… und man sich drin wohlfühlt, auch wenn das Leben nicht den Bach runter geht? Die viel wichtigeren Fragen sind aber: Wenn man von klein auf aus jeder Richtung gesagt bekommt, wie man zu sein hat, woher weiß man, wer man wirklich ist? Wenn man aufgrund eigener Entscheidungen auf die Schnauze fällt und kein Verständnis bekommt – weil, selber Schuld, hätte man mal gehört! – wie weiß man, dass man trotzdem wertvoll ist, auch wenn man Fehler macht?

Wie wird man nicht ausgenutzt, wenn man glaubt, etwas steht einem nicht zu, weil man nicht genug getan hat, obwohl man schon über seine Kraft hinaus gearbeitet hat? Wenn man all diese Erwartungen nicht erfüllt, woher weiß man, dass man selbst, ohne etwas „richtig“ gemacht zu haben, überhaupt genug ist?

Ich habe mein Leben lang versucht zu tun, was von mir erwartet wurde. Sonderlich viel Hilfe oder Verständnis habe ich bei Fehlern nie bekommen bzw. erwartet – weil, selber Schuld! Ich kam immer super selbst klar und phasenweise hatte ich sogar richtige Höhenflüge, denn tatsächlich erreicht man mehr und hebt sich von der Masse ab, wenn man von vornherein 150% gibt.

Das geht natürlich nicht ewig gut. Andere starten mit 80%, weil es meistens reicht, können sich noch auf die 100% steigern und wenn die Kacke am Dampfen ist, geben sie ausnahmsweise mal kurz 120%. Der Einstieg mit 150% ist aber nicht nur wegen der Luft nach oben problematisch, sondern wird so richtig zum Problem, wenn man zu oft auf 200% und drüber geht und sich dann einbildet, man müsse das Level nun halten, weil man sonst wieder jemanden enttäuscht. Und zwar nicht nur im Job.

Meine alte Therapiegruppe würde jetzt im Chor schreien: „Wer ist ‚man‘?“ Na ich! Wie ich wieder versuche, mich von schlechten Gefühlen zu distanzieren.

Viele von euch kennen das, was nun folgt, lasst uns vorspulen. Am Ende der Kräfte. Immer weiter gemacht. Ruhephasen verkürzt, um nicht nachzulassen. Diverse schlechte Ereignisse. Immunsystem und Körper im Eimer. Ständig krank. Überforderung. Ärger im Job. Druck. Leichtsinnsfehler. Noch öfter krank. Mehr Druck. Dauerhaft psychisch krank zu Hause.

Also zog ich die Jogginghose an

Kurze Anmerkung für alle, die einen Fashion-Ratgeber für sportliche Oberbekleidung erwarten: Die besagten Jogginghosen existieren, sind aber gleichzeitig immer metaphorisch zu verstehen.

Zugegeben sie wurde mir mehr oder weniger angezogen. Ich hätte ewig so weiter gemacht. Aber die Schwindelattacken, höllischen Schmerzen und herzinfarktähnliche Zustände hielten mich zuverlässig im Bett. Und da ich immer das Gefühl hatte, dass mir jegliche enge Kleidung Burst und Beine abschnürt, dass ich nicht atmen konnte und mir die Füße taub wurden, war die Jogginghose schon ganz ok.

Ich skippe wieder ein Stück vor, keiner will hören, wie ich 1 Jahr lang heule und fluche, weil ich wieder arbeiten oder trotzdem funktionieren will. Es hat lange gedauert, aber besser spät als nie kam der Gedanke:

Eigentlich fühlt sich die Jogginghose doch ganz gut an

Und wenn ich sie schon mal anhabe, kann ich’s doch genießen. Also fing ich an, Dinge für mich zu tun. Und mir fiel auf, wie wenig Zeit ich zuletzt für mich hatte. Na ja stimmt nicht ganz, ich hatte sie oft, aber ich habe lieber 13h gearbeitet oder mich in der Freizeit mit noch mehr TO-DOs überfordert, statt mich zu entspannen. Vielleicht war ich auch so in meinem Film, dass ich es sowieso nicht geschafft hätte, die Me-Time zu genießen.

Nach und nach entwickelte ich gesunde Routinen, habe mich bewusster um mich gekümmert und trotzdem ging es mir bis auf ein paar gute Phasen in Summe nicht besser. Bis mir klar wurde, dass ich immer noch hoffte, in mein altes Leben zurückzukehren. Aber das kann ich nicht und etwas in mir weiß es und lässt mich nicht. Wie lange würde es wohl dauern, bis ich wieder in alte Muster falle und am gleichen Tiefpunkt ankomme, obwohl ich mir geschworen habe, ruhiger zu machen?

Und warum will ich überhaupt zurück in ein Leben zu Freunden, die jetzt nicht da sind, weil sie nicht mit meiner Krankheit umgehen können und beschlossen haben, dass sie auch nicht müssen. Die es eigentlich auch vorher schon OK fanden, Anrufe und Nachrichten erst 3 Tage später zu beantworten. Oder gar nicht. Warum will ich wieder 13h mit Kollegen verbringen, die mir, wenn ich krank bin, noch reindrücken, dass andere die doppelte Arbeit haben wegen mir oder am Telefon einfach auflegen ohne Tschüss zu sagen, wenn ich mich krank melde?

Eigentlich weiß ich gar nicht so recht, wohin mit mir. Ich will nicht hierbleiben und auch nicht zurück. Und vor der Zukunft habe ich sowieso Angst.

Die Jogginghose hat eine Tücke

Irgendwann hatte ich einen Energieschub und in mir wuchs das Bedürfnis nach einer Aufgabe. Nach langem Überlegen und Abwägen kam ich auf die Idee, diesen Blog zu schreiben.

In der Jogginghose fühle ich mich einfach lässig, wohl und ehrlich gesagt steht sie mir richtig gut. Vielleicht kennst du das: Alles ist super an der Jogginghose, bis man damit nach draußen will. Und plötzlich denkt man:

Hab ich da ein Loch im Schritt? Ich sehe doch bestimmt aus wie ein Penner. So kann ich doch nicht raus gehen. Na ja zum Bäcker geht schon mal schnell. Was ist, wenn ich ausgerechnet da jemanden treffe?

So ging es mir auch mit dem Blog. Ich war total überzeugt von der Jogginghose und meiner Idee. Ist doch toll, zur Entstigmatisierung psychischer Krankheiten beizutragen und vielleicht erreiche ich Menschen, denen meine Tipps helfen. Es ist gut, dass ich darüber schreibe und teile, was mir bereits geholfen hat, auch wenn ich noch krank bin. Irgendwie auf Augenhöhe. Ich habe einen guten Namen und ein Konzept dafür gefunden, das Webhosting-Paket gebucht, WordPress eingerichtet, Social-Media-Profile und die ersten Infoseiten auf einzigheartig.de erstellt. Mein Notizbuch war auch voll mit Themen und Ideen. Dem Start stand nichts im Weg. Bis mich eine Kollegin direkt als eine der ersten Follower auf Instagram abonniert hat.

Und die Jogginghosen-Debatte begann:

Weiß sie, dass ich das bin? Sie wird es doch den anderen auf Arbeit erzählen! Und dann meinen die, ich bin gar nicht krank. Mache einen auf Infaulenzer, während andere meine Arbeit machen. Und dann denken sie bestimmt, aha, da schreibt sie über Yoga, so schlimme Schmerzen kann sie ja nicht haben, wenn sie sich verrenken kann. Und Beauty und DIY, ach so, hat jetzt ja viel Zeit, während wir denken, dass sie leidet.

Ich zog die Jogginghose wieder aus

Ich habe die Gedankenkreise in diesem Moment ziemlich schnell unterbrochen. Aber sie haben mich wochenlang verfolgt. Mir ging es auch körperlich wieder schlechter deswegen. Ich wollte alles hinschmeißen. Meine Idee fand ich auch nicht mehr so toll. Und was für ein blöder Name erst – einzigheartig – sehr einfallsreich! Und was will ich den Leuten schon erzählen, bin ja selbst noch krank, so wertvoll können meine Tipps ja dann auch nicht sein. Von wegen auf Augenhöhe, sollen sie lieber Blogs von Psychologen lesen oder Leuten, die es geschafft haben. Kann ich überhaupt schreiben oder hab ich nur 1000 Themen im Kopf, zu denen mir wahrscheinlich eh nichts einfällt?



Um mir noch so richtig den Rest zu geben, habe ich angefangen, mich mit Instagrammern zu vergleichen, die das ganze schon seit Jahren machen und inzwischen eigene Zeitschriften rausbringen, Bücher schreiben oder Modelinien vertreiben. Und wenn es DIE gibt, wer soll dann schon MEINEN Blog lesen?

Ich habe zwar versucht, weiter zu machen, aber ich hängte mich immer wieder an Kleinigkeiten auf, habe 30-mal die Schrift geändert und 12-mal doch wieder das Theme gewechselt, weil: wenn’s hässlich ist, kann’s ja sowieso nicht online! Und vorher brauch ich dann ja auch eh nichts schreiben. Kurz gesagt: Selbst-Sabotage auf höchstem Niveau.

Eines Morgens beim Yoga

Als ich da so auf der Matte lag, dachte ich über das Gespräch mit meinem Freund am Vortag nach, der mich fast schon angeschrien hat, ich soll endlich was schreiben. Es sei MEIN Projekt und wenn da noch irgendwo ein Herzchen zu weit rechts ist oder jemandem nicht gefällt, was ich tue, kann mir das sowas von egal sein! Ich mache das für MICH! Und die besagten Buch- und Pulli-Verkäufer haben auch mal klein angefangen.

Nicht falsch verstehen, er würde mich nie drängen! Wenn ich den Blog und alle Social-Media-Accounts heute noch lösche, weil ich das nicht mehr will, würde er mich in den Arm nehmen und wäre stolz auf mich, dass ich eine gute Entscheidung getroffen habe, angesichts der Tatsache, wie sehr mich das unter Druck setzt. Aber ich will es nun mal. Und er hat ein sehr gutes Auge dafür, wann ich ’nen Arschtritt brauch. Überhaupt unterstützt er mich bei allem was ich tue und auch wenn mir fast jeder sagt, ich soll „aufhören einen auf Opfer zu machen, weil da draußen das Leben weiter geht“, sagt er, ich bin „die stärkste Frau, die er kennt“!

Ihm ist egal, was andere über ihn denken. Diese Einstellung vertritt er mit einer Selbstverständlichkeit, dass ich mich echt wundere, was so schwer daran ist. Vielleicht ja, weil er schon immer Jogginghosen trägt, zumindest so lange wir uns kennen. Und nicht etwa solche mit Fettflecken und Loch im Schritt, in denen man nicht mal zum Bäcker kann. Komplette Nike-Anzüge und zu jedem hat er mindestens eine passende Cap und Schuhe. Er zelebriert das sozusagen auf hohem Niveau! Und das, obwohl er oft genug gehört hat, er müsste sich mal seinem Alter entsprechend kleiden und könne nicht ewig in Caps rumlaufen.

Zurück zur Yoga-Matte. Plötzlich kämpft sich ein Gedanke energisch in mir hoch: hier liegt nicht die Kollegin, die sich das Maul zerreißt. Und auch nicht die, die am Telefon einfach auflegt.

Ich liege hier. ICH!

Und ja, ich bin krank. Also so richtig und nicht eingebildet oder simuliert. Ich habe Schmerzen, die versuche ich ja gerade weg zu atmen!

Ich könnte mich auch ritzen! Und viele Leute wären damit wahrscheinlich zufriedener. Nicht dass sie so böse sind oder es schlecht mit mir meinen. Das würde in ihren Augen einfach besser zu einer psychischen Krankheit passen.

Meinen Körper beim Yoga zu spüren, scheint mir aber doch die bessere Alternative zu sein. Und wenn ich es einmal durch den Schmerz geschafft habe, lösen sich die Verspannungen, ich komme bei mir selbst an, kann wieder frei atmen und mein Herz schlägt ruhiger. Ganz im Gegensatz zu einem Gespräch mit besagten Personen. Warum zur Hölle lege ich also Wert auf deren Meinung oder habe Angst davor, was sie glauben oder nicht?

Ich sage Bescheid, wenn ich eine sinnvolle Antwort darauf gefunden habe. In der Zwischenzeit ziehe ich meine Jogginghose wieder an und weiß

ICH BIN GENUG!

Ich freue mich, dass du den Weg hierher gefunden hast und hoffe darauf, dich noch oft begrüßen zu dürfen.

Pass gut auf dein Herz auf, du hast nur das eine! Deine Jenny
 

Für tägliche Inspiration zur mentalen Gesundheit & Selbstfürsorge folge mir auf

Ich freu mich auf dich!

Mach dir ein Bild davon, worum es hier geht:

Unterstütze mich und mein Projekt auf Social-Media



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.